interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
kontakt
JENNY LEWIS - „Keinen Spaß zu haben, ergibt doch keinen Sinn!“

Jenny Lewis lässt den Regenbogen hinter sich: Das farbenfrohe Signet der Sorglosigkeit, das bei ihrem letzten Album ´The Voyager´ aus dem Jahre 2014 in Musik, Artwork und Bühnenpräsentation allgegenwärtig war, tauscht die Lichtgestalt unter den US-Singer/Songwriterinnen auf ihrer famosen neuen LP ´On The Line´ gegen einen reflektierten, introspektiven Ton, während musikalisch an die Stelle der perfektionistischen Hochglanzproduktion des Vorgängers nun ein spürbar authentischerer, erdigerer Soundkosmos im Geiste des klassischen 70s-Songwriter-Pop tritt, der die schwierigen Zeiten versinnbildlicht, die hinter Lewis liegen.

´On The Line´ ist der vorläufige Höhepunkt einer Sololaufbahn, die für Jenny Lewis vor zwölf Jahren eher beiläufig ins Rollen kam. Damals war die heute 42-jährige Amerikanerin gerade mit ihrer Band Rilo Kiley drauf und dran, die Indierock-Welt gegen Mainstream-Ehren einzutauschen. Ihren Solo-Erstling ´Rabbit Fur Coat´ beschrieb sie damals deshalb lachend als Affäre neben der Bandehe.

„Um ehrlich zu sein, habe ich mich damals wirklich ein wenig schuldig gefühlt“, gesteht sie all die Jahre später im Westzeit-Interview. „Dabei hatte ich keinerlei kommerzielle Hintergedanken. Das war ein rein künstlerisches Projekt, das sich ergab, weil mein Freund Conor Oberst mich bat, eine Platte für sein neu gegründetes Label aufzunehmen. Trotzdem fühlte es sich an, als würde ich meine Band betrügen. Schließlich war Rilo Kiley meine Gang, meine Familie, mein ehemaliger Partner.“

Die Idee, eine Solokarriere ernsthaft ins Auge zu fassen, reifte in Lewis erst auf der folgenden Tournee.

„Als ich mit ´Rabbit Fur Coat´ unterwegs war, wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich niemanden sonst brauche, dass ich auch allein meine Songs schreiben, aufnehmen und touren kann“, erinnert sie sich.

„Das war ein für mich neues Gefühl der Freiheit, das Hand in Hand mit einer Menge Ängste ging. Heute dagegen bin ich eine vollkommen autonome Künstlerin. Ich habe die alleinige Kontrolle über alles in meinem Leben, künstlerisch wie privat.“

Die charmanten Referenzen an die Ära, in der pastellfarbene Ohrwürmer von Carole King, The Carpenters und Fleetwood Mac in der Pop-Welt das Maß aller Dinge waren, gibt Lewis auf ihrer vierten Platte als Solistin genauso wenig auf wie ihr Faible für augen-zwinkernde Einzeiler, die ihre Songs seit jeher zu etwas ganz Besonderem machen. Dennoch ist unüberhörbar, dass die letzten Jahre deutliche Spuren hinterlassen haben – in ihrem Leben und auch in ihrem Schaffen.

Das Ende ihrer zwölfjährigen Beziehung mit dem Songwriter-Kollegen Johnathan Rice, der Abschied aus Los Angeles, wo sie den Großteil ihres Lebens verbracht hat, in Richtung New York, die dort entstandenen LP des Sideprojects Nice As Fuck und der Tod ihrer Mutter schwingen mit auf einem Album, mit dem Lewis ehrliche Gefühle über den Perfektionismus stellt, der ihr während ihre Karriere als Kinderstar in Hollywood bereits im Kindergartenalter eingetrichtert worden war.

Ihr Zugang zu ihrem Tun hat sich dennoch über die Jahre nicht grundlegend verändert.

„Ich denke, der Ausgangspunkt beim Songwriting ist für mich heute immer noch der gleiche wie damals, als ich mit acht oder zehn mein erstes Lied verfasst habe“, sagt sie. „Der Unterschied ist lediglich, dass ich mein Material heute stärker editiere. Als ich anfing, ließ ich meinen Gedanken in meinen Songs freien Lauf und schrieb ausführlich über banale Dinge. Mit der Zeit habe ich gelernt, meine Lieder präziser und ökonomischer zu gestalten, ohne dass die emotionale Wucht verloren geht.“

Um dem ungeschönten Einblick in ihr Seelenleben auch klanglich den nötigen Tiefgang zu verleihen, wählte sie für die Aufnahmen zu ´On The Line´ eine neue Herangehensweise. Anders als zuvor wurden die Songs dieses Mal nicht nur analog auf Tonband, sondern tatsächlich live im Studio aufgenommen – Gesang wie auch Instrumentierung.

„Deshalb klingt die neue Platte etwas rauer, weniger perfekt und auch ein wenig gefühlsbetonter“, freut sich Lewis. „Bisweilen kann man wirklich hören, wie meine Stimme bricht. Man spürt die Emotionen – wo ich sie zurückhalte oder wo ich mich fallen lasse.“

Nie stand Lewis auf einer ihrer Platten mehr im Mittelpunkt, doch auf die Unterstützung gleich einer Handvoll „famous friends“ wollte sie dennoch nicht verzichten. Deshalb spielte Tausendsassa Beck Gitarre und Keyboards und produzierte einige Stücke, Don Was, als Produzent verantwortlich für Bonnie Raitts Meisterwerk ´Nick Of Time´ und seit 25 Jahren ständiger Partner der Rolling Stones, übernahm den Bass, Benmont Tench von Tom Pettys Heartbreakers steuerte unnachahmlich Klavier und Orgel bei und das Schlagzeug teilten sich Studio-Legende Jim Keltner und – kein Scherz! – Ringo Starr.

„Ringo hat´s wegen der Session-Gage gemacht“, alberte Lewis kürzlich in einem amerikanischen Radiointerview. Tatsächlich ist der Beatles-Drummer ein seltener Gast bei den Aufnahmen anderer. „Die meisten trauen sich wohl einfach nicht, ihn zu fragen“, vermutet sie. Zum Glück hatte Don Was keine Scheu und brachte die Kollaboration kurzentschlossen auf den Weg.

Ein wenig mulmig war Lewis allerdings schon bei dem Gedanken, mit einer solchen All-Star-Band im Studio zu sein (der ebenfalls an der LP beteiligte Ryan Adams war übrigens nach den jüngsten Anschuldigungen gegen ihn auf Wunsch von Lewis und ihrem Management kein Thema bei unserem Gespräch).

„Ich hatte Angst, dass ich es versaue“, gibt sie unumwunden zu. „Ich spürte den Druck: Die Songs mussten fertig und ich in der Lage sein, sie gleichzeitig zu singen und zu spielen – noch dazu, während Ringo Starr am Schlagzeug saß! Man kann sich sicher gut vorstellen, was für eine Belastung das war! Allerdings ist es mir gelungen, mich von der Musik, vom Moment mitreißen zu lassen, und das hat meine Unsicherheit einfach verdrängt.“

Für gewöhnlich erklären Künstler solche Situationen gerne zu willkommenen Herausforderungen - Lewis allerdings gehört nicht dazu: „Ich denke, kaum jemand mag es, so unter Druck zu stehen. Die meisten wollen doch viel lieber das machen, was ihnen leicht von der Hand geht. Sich selbst herauszufordern ist beängstigend! Erst rückblickend stellte ich fest: ´Wow, du hast die Sache im Griff, du weißt, wie du deine Songs spielen musst!´“

Mitgeschnitten wurde ´On The Line´ im Recording Studio B von Capitol Records im Herzen von Hollywood, einem der letzten großen Tonstudios der guten alten Zeit, in dem bis heute der Flügel, auf dem Carole King 1971 ihr Jahrhundertalbum ´Tapestry´ eingespielt hat, und Vintage-Mikrofone, die schon Frank Sinatra für seine Evergreens genutzt hat, zum guten Ton gehören.

„Ich habe noch nie in einem Studio und mit Musikern dieses Kalibers aufgenommen, aber ich muss sagen, dass man den Unterschied schon spüren kann, wenn man mit den weltbesten Rock´n´Roll-Schlagzeugern zusammenspielt“, sagt Lewis und muss lachen. „Mein erster Gedanke war: ´Wow, that sounds fucking good!´“

Den bisweilen nachdenklichen Texten zum Trotz ist ´On The Line´ deshalb ein Album, dem man die Freude anmerkt, die Lewis am eigenen Tun hat.

„Keinen Spaß zu haben, ergibt doch keinen Sinn!“, ist sie überzeugt, zumal sie weiß, dass ein Lächeln sogar durchaus künstlerisch wertvoll sein kann. Ein Trick, den sie von Paul Shaffer, dem langjährigen Bandleader von Talkmaster David Letterman, gelernt hat.

„Wir kamen darauf zu sprechen, dass ich manchmal mit der Tonhöhe Probleme habe“, verrät sie. „Er sagte: ´Lächel doch mal!´, und tatsächlich, das Lächeln hat mir geholfen, die Töne besser zu treffen!“

Auch bei ihren Live-Konzerten steht der Spaß immer an erster Stelle, das unterstrich letztes Jahr auch ihr überbordend fröhlicher Auftritt beim Haldern-Pop-Festival.

„Der Songwriting-Prozess kann schmerzvoll, kathartisch und steinig sein, aber die Lieder dann im Live-Kontext zu präsentieren, ist ein anderer Teil der Gleichung“, sagt sie bestimmt. „Am Ende des Tages bin ich Entertainerin. Ich sehe mich in der Tradition meiner Eltern, die ja Lounge-Sänger in Las Vegas waren. Auf der Bühne geht es mir um Freude, Reflexion und ein wenig Realitätsflucht, und selbst wenn mir mal nicht danach ist – lächeln hilft!“

Aktuelles Album: On The Line (Warner Bros.) VÖ 22.03.
Weitere Infos: www.jennylewis.com
© 01. März 2019  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Autumn de Wilde ||| Datenschutz
März 2019


suche