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HOLLY MIRANDA - Gegen die Langeweile

Holly Miranda hat den Bogen raus: Große radiotaugliche Pop-Hymnen schüttelt sich die sympathische 35-jährige Amerikanerin genauso locker aus dem Ärmel wie nachdenkliche „Ich kritzele in mein Tagebuch“-Bedroom-Folk-Nummern und verbindet dabei abseits jeglicher gängigen klassischen Singer/Songwriter-Konventionen eine unglaubliche Fülle an Klängen mühelos mit Versatzstücken aller erdenklichen Genres von Indierock bis Soul. Jetzt erscheint ihre hinreißende neue LP ´Mutual Horse´, die sie im April auch auf deutschen Bühnen vorstellt.

Holly Mirandas Reise beginnt Mitte der 90er. Schon als Teenager verlässt sie ihre Heimat in Michigan Richtung Ostküste und taucht in die Singer/Songwriter-Szene des East Village von Manhattan ein.

„Ich wusste immer, dass ich diesen Weg einschlagen würde”, sagt sie im Westzeit-Interview über ihren musikalischen Werdegang. „Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals nicht gesungen zu haben. Mit fünf fing ich mit dem Klavier an und mit 14 brachte ich mir selbst das Gitarrespielen bei. Mit 16 zog ich dann nach New York. Ich kennes nicht anderes!“

Schnell landet sie einen Majorlabel-Vertrag und nimmt ihr erstes Album auf. Es wird allerdings nie veröffentlicht, worüber sie rückblickend nicht böse ist.

„Alles, was passiert oder nicht passiert ist, ist Teil dessen, wer ich bin, und ich mag, wer ich bin“, sinniert sie. „Wer weiß, was für ein Vollpfosten ich heute wäre, wenn ich mit 17 Erfolg gehabt hätte!“

2001 erscheint mit ´High Above The City´ dann ihr Debüt, doch ihre Solokarriere ist (vorerst) nicht von Dauer. Zwei Jahre später gründet Holly gemeinsam mit Alex Lipsen The Jealous Girlfriends, um das Spannungsfeld von britischem New Wave und amerikanischem Indierock auszuloten. Die beiden Platten der Band sorgen für Aufsehen, ihre Songs laufen in populären US-Fernsehserien, es geht auf Tour mit Nada Surf und Delta Spirit. Als die Band danach auf Eis gelegt wird, nimmt Holly gemeinsam mit Dave Sitek von TV On The Radio das eher Synth-Pop-lastige Soloalbum ´The Magician´s Private Library" auf, das 2010 beim Renommierlabel XL Recordings erscheint. Die Zusammenarbeit mit Sitek ist für Holly ein wichtiger Meilenstein:

„Seine Unterstützung und sein Glaube an mich haben mich durchhalten lassen, als ich schon früh das Handtuch werfen wollte. Er hat mich davon überzeugt, meine Akustikgitarre zu verkaufen und mir die elektrische zuzulegen, die er auch spielt. Ich benutze sie bis heute.“

Die Platte ebnet Holly den Weg zu Gastspielreisen mit Tegan And Sara, The xx oder Florence & The Machine und ihrem zweiten, selbstbetitelten Solowerk im Jahre 2015, das erdiger, Soul-beeinflusster ausfällt, ohne die Dream-Pop-Leichtigkeit aus den Augen zu verlieren.

Mit ´Mutual Horse´ hat Holly nun ein hinreißend leidenschaftliches Album im Sound der Zeit aufgenommen, das Elemente all ihrer bisherigen Platten aufgreift und doch neue Wege geht. So rückt sie ihre Stimme deutlicher als bisher in den Mittelpunkt ihrer facettenreich-detailverliebten Lieder und ließ bei der Entstehung des Albums mehr Einfluss von außen zu als je zuvor.

„Ich wollte die Dinge einfach mal anders angehen”, sagt sie mit einem Schulterzucken. „Ich habe noch nie so viel Verantwortung beim Songwriting mit anderen geteilt, und das war sehr befreiend!“

Dass jede ihrer Platten eine ganz eigene klangliche Ausrichtung hat, lässt die Kritiker immer wieder jubeln, dürfte aber auch einer der Gründe sein, warum sie als eine der spannendsten, fantasiereichsten Musikerinnen ihrer Generation auch nach fast 20 Jahren immer noch unter „Gut gehütetes Geheimnis“ läuft.

„Ich bin schnell gelangweilt, und wenn ich die gleiche Platte wieder und wieder hätte machen müssen, würde ich heute vermutlich gar nichts mehr mit Musik zu tun haben“, sagt sie bestimmt. „Ich kenne eine Menge supererfolgreicher Leute, die genau nach dieser Methode vorgegangen sind und damit glücklich zu sein scheinen, aber für mich wäre das nichts!“

Weitere Infos: www.hollymiranda.com

Aktuelles Album: Mutual Horse (Dangerbird Records)
Weitere Infos: www.hollymiranda.com
© 01. April 2018  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Jenni Sperandeo
April 2018

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