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LUNATIC SOUL - Musikalisches Alter Ego

Vielleicht sind es gerade die Brüche in unserem Leben, die uns prägen. Die kleinen, die großen Ka-tastrophen, die Tragödien. Und vielleicht spielt ja der Titel der neuen ´Lunatic Soul´ auf eben diese Verwerfungen, die das Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellen und einen Neustart nötig machen, an. ´Fractured´ heißt das aktuelle Album, und Mariusz Duda, nicht nur Kopf der Band, sondern auch Mastermind der polnischen Prog-Legende ´Riverside´, hat 2016 all‘ diese Katastrophen erlebt.

Zunächst verstirbt völlig überraschend sein Freund und Mitmusiker Piotr Grudzinski, dann sein Vater.

„Ja, in der Tat geht es auf ´Fractured´ darum, nach persönlichen Tragödien wieder ins Leben zurückzufinden. Ich hatte meinen Vater, meinen Freund verloren, auch meine langjährige Beziehung ging in die Brüche“, erzählt er. „Aber es geht auch darum, das gerade viel um uns herum passiert, was uns eher trennt als eint.“

Die Musik von ´Lunatic Soul´ ist nicht einfach in eine Schublade zu stecken, besteht aus vielen unterschiedlichen Facetten.

„Ich bin mit elektronischer Musik aufgewachsen, Jean-Michel Jarre, Vangelis, Tangerine Dream; ich bin mit meinen Eltern immer auf einem kleinen Wochenmarkt gewesen, auf dem Tapes mit dieser Musik verkauft wurden. Später habe ich so ein typisches Kinder-Keyboard geschenkt bekommen und bald angefangen, auf einem alten Tapedeck meine ersten Aufnahmen zu machen; das klang furchtbar, aber so fing alles an, viele der alten Kassetten habe ich heute noch … mit vierzehn, fünfzehn habe ich dann angefangen, Trash- und Death-Metal zu hören, ganz am Ende der musikalischen Entwicklung stand dann der Classic Rock.”

Und heute?

„Back To The Roots, sozusagen; heute höre ich wieder öfter Tangerine Dream, vor allem die ´Hyperborea´, oder Bands wie ´Carbon Based Lifeforms´.”

Deine Texte handelt oft von Vergänglichkeit und Tod – würdest Du Dich als einen religiösen Menschen bezeichnen?

„Man kann schon sagen, dass mich die dunklen Dinge anziehen, Romane wie Jerzy Kosinkis ´Painted Bird´, düstere Filme, die Bilder von Beksinski berühren mich. Inspiriert durch die Nahtoderfahrung eines guten Freundes, habe ich Texte über das „Danach“ geschrieben, also über das, was nach dem Tode kommt. Im Grunde hat das aber nichts mit Religion zu tun, ich meine, wenn jemand da eine Verbindung herstellen will, dann bitte. Meine Religiosität würde ich aber vielleicht wie die Joseph Campbells beschreiben, also eher mythologisch.“

Wie positioniert er eigentlich seine beiden großen Bandprojekte, also Riverside und Lunatic Soul, sind sie gleichranging?

„Auf gar keinen Fall ist Lunatic Soul ein Side Project,” betont er. „Ich sehe es als Solo-Projekt, bei dem sehr viele unterschiedliche Genres zusammenkommen, ein musikalisches Alter Ego, bei dem ich den intimsten Teil meiner Gefühlswelt erkunde. Und schon deshalb kann das alles gar nicht an zweiter Stelle kommen. Ich habe Lunatic Soul ja nicht etwa deshalb gegründet, weil ich frustriert war, bei Riverside nicht das machen zu können, was ich wollte, schließlich schreibe ich ja auch hier die allermeisten Songs. Ich wollte vielleicht einfach nur noch mehr Musik machen … Ich kann beide Bands sehr gut nebeneinander machen, da ich meistens Jahre vorher plane; abgesehen davon ist die Musik beider Bands sehr unterschiedlich.“

Warum eigentlich der Name?

„Dead Can Dance haben mich da inspiriert, ich wollte etwas, was irgendwie mit Körper und Geist verbunden ist – außerdem sollte der Name nicht mehr Buchstaben haben als mein eigener“ (lacht).

Kann man mit Mariusz Duda über Politik sprechen, über das, was in Polen gerade passiert?

„Ich spreche eigentlich nicht über Politik, Religion und Geld. Gut, Vieles hat sich in unserem Land nach 1989 zum Besseren verändert; wir sind nicht mehr bitterarm, wir leiden nicht mehr so, wie wir leiden mussten, als es keinerlei Freiheiten gab. Unsere Städte, Dörfer sehen schöner aus, wir haben mehr Geld und können uns entwickeln. Aber wir haben auch eine sehr konservative Regierung, die zwar auch Gutes bewirkt hat, aber eben auch viel Schlechtes. Vor allem international tritt sie oft wenig diplomatisch auf, ja, sie benehmen sich oft schlecht, und hierzulande versucht man, Rechte zu beschneiden, vor allem in Hinblick auf die Meinungsfreiheit. Es ist einfach problematisch, wenn eine politische Partei alle Macht in Händen hält. Immer mehr Leute gehen auf die Straße, protestieren, Polen in seinem inneren ist geteilt wie nie zuvor; wer weiß, was die Zukunft bringt, aber auch diesbezüglich passt der Titel ´Fractured´ perfekt.“

Aktuelles Album: Fractured (Kscope / Edel)
© 01. November 2017  WESTZEIT ||| Text: Carsten Collenbusch ||| Foto: Oskar Szramka
November 2017

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