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JEN CLOHER - Direkte Kommunikation

Vorzeigefrau des australischen Queerfolk, Labelchefin von Milk! Records und Lebensgefährtin von everybody's darling Courtney Barnett – eigentlich sollte man glauben, dass für Jen Cloher alles eitel Sonnenschein ist, doch so einfach ist es nicht. Im WESTZEIT-Interview verrät die 44-jährige Singer/Songwriterin aus Melbourne, wie die schwierigen letzten Jahre zu ihrer ausgezeichneten vierten LP führten, die schlicht ´Jen Cloher´ heißt.

Oh, die Eifersucht! In den letzten Jahren hatte Jen Cloher ziemlich damit zu kämpfen, dass ihre Partnerin Courtney Barnett weltweit eine Blitzkarriere hinlegte, während sie zu Hause saß und sich fragte, wie es kommen konnte, dass sie trotz drei in Australien hochgelobten Platten im Geiste von Cat Power, Liz Phair oder PJ Harvey nie den großen Durchbruch geschafft hatte. Auf ihrem neuen Album thematisiert sie die belastende Situation nun packend und unverblümt. „Ich hatte bereits sieben Jahre lang Platten gemacht, als ich Courtney traf, und dann macht sie nur eine EP …“ Cloher stockt und muss lachen, wenn sie nur an das weltweit überwältigende Echo denkt, das Barnett vom Fleck weg auslöste. „Alles ging so schnell, als sei sie auf der Überholspur. Das hat mir sehr zu denken gegeben, und ich fragte mich, ob ich die Sache richtig anging, denn es ist natürlich wirklich schwierig, keine Vergleiche anzustellen – gerade wenn es um die Partnerin geht und man die gleiche Sache verfolgt.“ Inzwischen ist Cloher aber wieder mit sich im Reinen und die Selbstzweifel sind verschwunden. „Heute weiß ich, dass ich einfach mein Ding machen muss und dass es keinen Sinn hat, mich mit andern zu vergleichen, so menschlich das auch wäre.“ Die Abgeklärtheit, die aus diesen Sätzen spricht, legt sie auch bei unserem Gespräch an den Tag: Bisweilen spricht sie geradezu bedächtig, ihre Antworten sind aber stets wohlüberlegt.
Dass ´Jen Cloher´ gleich nach der Veröffentlichung höhere Wellen schlug als die drei vorangegangenen Werke, die Cloher in den letzten zehn Jahren aufgenommen hat, liegt aber sicherlich auch an der leichten Kurskorrektur, die sie musikalisch und textlich vorgenommen hat. „Ich habe auch zuvor immer über mein eigenes Leben und meine eigenen Erfahrungen geschrieben, aber dieses Mal ging es mir von Anfang an darum, so aufrichtig und unumwunden wie möglich zu sein“, verrät sie. „Es ging mir um direkte Kommunikation mit dem Publikum!“ Auf der neuen LP gelingt es Cloher meisterlich, betont lakonisch die Tristesse des Alltags mit oft nur wenigen Worten einzufangen. Denn während die Lieder ihrer Partnerin Barnett gerne mal 300 Worte haben, reichen Cloher bisweilen 30, ohne dass es deshalb an Tiefgang oder emotionaler Dichte fehlen würde. Wenn man ehrlich und direkt sein will, braucht man zwangsläufig weniger Worte“, ist sie überzeugt. „Zudem liebe ich Leonard Cohen, denn er hat diese wunderbare Gabe, direkt zum Herzen, zum Zentrum der Dinge vorzustoßen. Auch wenn er ein toller Poet ist, benutzt er nie große Worte, seine Sprache ist nie blumig, sondern immer sehr direkt und einfach. Er hat einfach ein Händchen dafür, Sprache wunderbar einzusetzen.“
Unterstützt wurde Cloher bei der neuen LP erneut von ihrer langjährigen Schlagzeugerin Jen Sholakis, Courtney Barnett als Gitarristin und deren CB3-Bassist Bones Sloanes. Herausgekommen ist dabei ein herrlich abgehangener Garagen-Folk-Sound mit rauem Velvet-Underground-Touch, der zudem die Texte adäquat umsetzt. „Uns ging es vor allem um die Performance anstatt um Perfektion“, unterstreicht Cloher. „Wir waren nach der letzten Platte lange zusammen unterwegs und sind inzwischen eine richtig tolle Band, und ich denke, das kann man auch hören: Das Album ist sehr lebendig, ohne große Studiotricks.“
Bei aller Leidenschaft für das Musikmachen ist Cloher gleichzeitig aber auch als Chefin von Milk! Records eingebunden. Mal ganz ehrlich: Gibt es da Tage, an denen Songs nicht geschrieben werden, weil noch Excel-Tabellen am Computer auszufüllen sind? „Oh, ja!“, antwortet Cloher lachend. „Das ist ein Balanceakt! Deshalb verwende ich die ersten beiden Stunden des Tages aufs Schreiben und Musikmachen. Den Rest des Tages kümmere ich mich dann um das Label.“ Schließlich ist sie bei Milk! Records die Geschäftsführerin und wird für diese Tätigkeit auch bezahlt. Eine Verantwortung, der sie sich bewusst ist, wenngleich sie weiß, wofür sie arbeitet. „Wenn ich mich um die Plattenfirma kümmere, tue ich mich gleichzeitig etwas für meine, unsere Karriere, und deshalb ist es zwar harte Arbeit, aber sie lohnt sich!“
Weitere Infos: www.jencloher.com
© 01. Oktober 2017  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
Oktober 2017

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