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PVRIS - Die Geister, die ich rufe

Schmerz darzustellen ist einfach. Sorgen, Schwermut, schlechte Laune: Daran scheitern nicht einmal die Neuen in einer Telenovela. Doch Leidenschaft und Schmerz in etwas Schönes zu transformieren, etwas, das andere Menschen erfreut und bereichert – das ist die Kunst. Die amerikanischen Pop-Punk-Band Pvris macht Dunkelheit zu Licht. Und andersherum.

Sängerin Lyndsey Gunnulfsen ist 23. In ihrem jungen Leben kämpfte sie bereits mit depressiven Verstimmungen.

„Ich war mental an einem dunklen Ort, dem ich nicht entfliehen konnte. Ich fühlte mich wie von Geistern verfolgt.“

Nun ist ja bekannt, dass die Melancholie kreativ viel bewegen kann. Zwei, drei Stimmen mehr im Kopf können da auch nicht schaden. Mit ´All We Know of Heaven, All We Need of Hell´ bringen die Jugendfreunde Lyndsey Gunnulfsen, Gitarrist Alex Babinski und Bassist Brian MacDonald jetzt ihr zweites Album heraus. Stilistisch sind sie dem düster-launischen Pop-Punk von ihrem Debüt ´White Noise´ gefolgt. Auf der Platte, die 2014 erschien, geht es auch viel um Herzschmerz, innere Dämonen und mentale Probleme. Eine Zeit lang fütterten Fans sogar regelmäßig einen “@Pvrislyrics”-Twitterkanal mit Textzeilen wie „Do you ever wonder what took the light from my life?“ und „I'll confess, I've just been obsessed with life and death and emptiness.“ Oh ja, ziemlich düster. Doch ein trübsinniges Etikett allein genügt nicht, um das tatsächlich sehr radiotaugliche Profil der drei aus Massachusetts zu beschreiben.

Jammern kann wie gesagt jeder. Pvris komponieren trotz der frustrierend freudlosen Texte aber eben auch dynamische Pop-Musik, die Spaß macht. Sicher auch ein Grund dafür, wieso sie stetig neue Fans dazugewinnen. Bei eingängigen Songs wie ´You and I´ grölen diese den Refrain inbrünstig mit. Lyndsey freut das: „Ich mag die Dynamik, weil der Song dunkel ist und dann sehr aggressiv wird.“

Rechnet man die düstere Bildsprache und morbiden ästhetischen Anflüge also heraus, bleibt Pvris vor allem eine sehr lebendige Pop-Punk-Band mit einer Vorliebe für synthetische Effekte.

„Wir wollten immer elektronische Elemente in unsere Musik integrieren,“ sagt Lyndsey. „Im Studio haben wir dann einfach die Songs, die rocklastiger waren, mit den elektronischen kombiniert. Es ist wirklich cool, diese beiden so verschiedenen Beschaffenheiten zu vereinen und daraus genau das zu formen, was man möchte. Trotz allem liegen unsere Wurzeln natürlich in der Rock-Musik.“

Der immer sonnig wirkende Brian ergänzt: „Wir haben ganz verschiedene musikalische Hintergründe. All das verbinden wir einfach. Wir streiten nie darüber, was passen darf und was nicht. Meine Eltern haben zum Beispiel immer Soul, Funk und Blues gehört. Aber als ich jünger war, wusste ich das nicht sonderlich zu schätzen. Da liebte ich Justin Timberlake! Ich bin auf Künstler wie Tracy Chapman, Erykah Badu, Eric Clapton, Marvin Gaye und Lauryn Hill erst bewusst zurückgekommen, als wir die neue Platte gemacht haben. Ich hörte die alten Songs, die meine Eltern immer rauf und runter gespielt hatten und dachte nur: Das ist großartig. Mit diesen Genres aufgewachsen zu sein, hat mich als Musiker sehr geprägt. In Alex‘ Familie sind dagegen alle Metalheads.“

Alex lacht. „Das stimmt. Ich habe wahrscheinlich auch deshalb mit zwölf angefangen, Gitarre zu spielen.“

Stilistisch einschränken mussten sich Pvris bei der Arbeit an der neuen Platte auch aus anderen Gründen nicht. Nach ihrem erfolgreichen Debüt durften sich die drei Musiker beim zweiten Album unter besten Bedingungen austoben. „Wir konnten so viele verschiedene Instrumente und Synthie-Elemente einspielen. Die hatten wir damals nicht,“ sagt Alex. „Für die neue Platte haben wir zwei Monate lang in einer Kirche arbeiten können, die zu einem Tonstudio umgebaut war. Es gab so viele Möglichkeiten. Davon kann man sonst nur träumen“, schwärmt er weiter.

Doch das war nicht alles, was die Studioerfahrung für diese drei so besonders machte.

„In der Kirche spukte es. Wir hatten das erst nach einigen Wochen bemerkt. Es gab ein paar seltsame Vorfälle. Einmal haben wir Schritte auf der Treppe gehört. Jetzt hoffen wir, dass ab und zu ein paar Geister auf der finalen Aufnahme flüstern werden,“ lacht Brian. Jeder in der Band ist auf seine Art spirituell, erklärt er. Während Alex ohnehin an alles glaubt, hatte Brian schon mal dunkle Geister-Gestalten auf der Bettkante zu Besuch. Und Lyndsey? Nun, sie war es, die die untoten Schritte auf der Treppe vernahm. So ein bisschen Aberglaube kann ja auch nicht schaden. In jedem Fall haben sich hier offenbar die Richtigen gefunden. Auf die Frage, was sie zu der düsteren, schwarz-weißen Bildsprache inspirierte, an der die Band von Beginn an festhält, sagt Lyndsey: „Horrorfilme sind eine große Inspiration für uns. Ich mag die Klassiker wie 'Poltergeist'. Den Film haben mir meine Eltern gezeigt, als ich jung war. Unsere Visuals beschränken wir ganz bewusst auf eine Schwarz-Weiß-Ästhetik. Es ist eine Hommage an alte Genres wie Film Noir, an Hitchcock und alte Fotografien,“ sagt die Sängerin, die sich einst kurzfristig gegen ein Grafikstudium und für ihre Musiklaufbahn entschied.

Alex ergänzt: „Lyndsey ist für die gesamte Optik von Pvris verantwortlich und führt bei allen Videos mit Regie. Schwarz und Weiß, das sind einfach wir. So legen wir die Stimmung nicht vorher fest. Jeder kann sich seine eigenen Gedanken machen.“

Trotz aller Zurückhaltung bei der Farbwahl haben die drei auch eine klare Botschaft an ihre Fans und die ziemlich marode Welt drumherum.

„Wir wollen denen helfen, deren Stimme nicht gehört wird. Wir arbeiten auch mit wohltätigen Organisationen zusammen, um Menschen zu unterstützen, die durch schwierige Zeiten gehen. Das wird gerade jetzt wichtig mit Trump und allem,” sagt Brian. Lyndsey ergänzt: „Die LGBTQ-Gleichstellung steht für mich als Thema ganz oben auf der Liste. Es betrifft mich als homosexuelle Frau und auch viele unserer Fans.”

So entschied sie sich einst ganz bewusst dazu, diese Thematik offen zu verhandeln. Denn sie ist überzeugt davon, dass viele Menschen, die sich so akzeptieren möchten, wie sie sind, ein Vorbild brauchen. Wer eine Plattform hat, sollte offen über die Gleichstellung von Homosexuellen reden, findet Lyndsey. Nur so drängt das Thema in das Bewusstsein der Menschen und fördert die Akzeptanz. 

Unabhängig von dem großen Selbstbewusstsein, das Lyndsey ausstrahlt, beschreibt sie sich als extrem introvertierte Person. Partys sind nicht ihre Sache. Vor jedem Konzert ist sie nervös wie vor einem Referat in der Schule. Die Klatschpresse hatte sie trotz aller Zurückhaltung einst schon für sich entdeckt. Grund war eine angebliche Beziehung mit der Schauspielerin Kristen Stewart. Lyndsey wirkt wie jemand, der solche Nebenschauplätze ihrer Karriere ausblenden kann. Auf den ersten Blick jedenfalls. Sie scheint die Art von Frau zu sein, die bei einem verbalen Angriff direkt zurückfeuert und sich danach mit cooler Miene abwendet. Es gibt Wichtigeres zu tun. Auf der Bühne spricht sie zu ihren Fans. Sie sagt ihnen in ruhigem, eindringlichen Ton, dass sie gute Menschen sein sollen, sich für die Dinge, die ihnen wichtig sind, einsetzen müssen und so weiter. Das wirkt in ihrem Fall nicht einmal aufgesetzt. Noch nicht (um da ganz vorsichtig zu sein). Bislang klingt es nach echter Anteilnahme und der Hoffnung, dass Menschen im Grunde gut sein können. Lyndsey gibt sich entschlossen, aber besonnen, ohne auf leere Applaushülsen zu spekulieren. Wenn sie sich auf der Bühne sexistischen Kommentaren ausgesetzt fühlt, ärgert sie sich. Sie kommentiert es auch. Doch sollte man so etwas nicht als Rückschlag nehmen, sagt sie. Es darf nie das eigene Weltbild definieren. Doch was macht die starke Lyndsey, wenn ihre inneren Dämonen dann doch mal wieder zuschlagen und die Stimmung hängt?

„Ich kapituliere einfach und ergebe mich dem Zustand. Dann geht es schneller vorbei. Außerdem lernt man auch immer etwas aus so einer Situation.“

Und ihr, Jungs?

„Wir essen! Gutes Essen vertreibt jede miese Laune,“ lachen sie.

Aktuelles Album: All We Know of Heaven, All We Need of Hell (Rise Cecords) VÖ: 25.08.
© 03. August 2017  WESTZEIT ||| Text: Christine Stiller ||| Foto: Eliot Lee Hazel
August 2017

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