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ALGIERS - Weckruf mit Köpfchen

Algiers sind die gegenwärtigste aller Gegenwartbands: ´The Underside Of Power´, die zweite LP des Quartetts aus Atlanta, Georgia, ist ein wütendes, kämpferisches Protestalbum zwischen Post-Punk, Industrial, Blues und Soul, das an anderer Stelle bereits treffend als „Neo-Gospel für schwarze Seelen“ beschrieben worden ist.

Algiers wollen aufrütteln und zu einer echten Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Problemen inspirieren. Auf dem Nachfolger ihres selbstbetitelten Debüts aus dem Jahre 2015 greifen Sänger und Multiinstrumentalist Franklin James Fisher, Gitarrist Lee Tesche, Bassist Ryan Mahan und Neu-Schlagzeuger Matt Tong (zuvor bei Bloc Party) aktuelle gesellschaftspolitische Diskussionen auf und graben dabei tiefer als viele ähnlich inspirierte Kollegen, die derzeit nur gegen das Feindbild Donald Trump wettern. Stattdessen erinnern Algiers daran, dass die derzeitige Lage das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses ist, der die Wahl eines Präsidenten wie Trump überhaupt erst möglich gemacht hat. Deshalb glaubt Ryan Mahan beim Treffen mit Westzeit in Münster auch nicht, dass es politisch motivierte Bands derzeit leichter haben.

„Was Donald Trump derzeit macht, ist so absurd, so abstoßend, dass eine wohlüberlegte Kritik seines Tuns auf intellektuellem Level sehr schwierig ist. Das Ganze hat sich inzwischen zu solch einem Schauspiel, solch einem Spektakel entwickelt, dass dir oft die richtigen Worte fehlen, um deine Sicht der Dinge angemessen zu artikulieren“, ist er überzeugt.

Statt reiner Systemkritik stellen Algiers deshalb bisweilen lieber den Solidaritätsgedanken und den Gemeinschaftssinn im Widerstand gegen den Status quo in den Mittelpunkt ihrer Texte. Musikalisch fällt die neue, mit Adrian Utley von Portishead auf dem Produzentenstuhl aufgenommene Platte derweil merklich elektronischer aus. Die Dringlichkeit, die bei den Amerikanern praktisch in jedem Ton, in jedem Wort spürbar ist, ist aber geblieben. Egal, ob düster klingende Synthies, treibende Electro-Beats oder verzerrte Gitarren – der Druck, den Algiers entwickeln, ist ebenso beeindruckend wie befreiend.

Das hat sich inzwischen sogar bis zu Depeche Mode herumgesprochen, die Algiers mit auf ihre große Sommer-Open-Air-Tournee mitnahmen, wenngleich die Musiker die Stadionauftritte mit gemischten Gefühlen betrachten.

„Das Ganze ist vor allem eine sehr bizarre Erfahrung“, gesteht Lee Tesche. „Der gestrige Abend in Frankfurt war ein gutes Beispiel dafür. Da spielst du an einem wunderschönen Sommerabend vor mehr als 50.000 Menschen und trotzdem ist die Bühne in gewisser Weise der einsamste Ort der Welt. Du musst dir einerseits mehr Mühe geben als in einem Club, andererseits hast du trotzdem das Gefühl, vom Publikum völlig abgekoppelt zu sein.“

Das sieht auch Mahan ähnlich: „Wir betrachten das Ganze als Proben für unsere Clubshows, denn auf der großen Bühne können wir uns gegenseitig richtig gut hören, und das Publikum ist einfach dieses Meer von Menschen, in dem du gar keine einzelnen Gesichter ausmachen kannst. Ich habe zuvor noch nie Stadionshows gesehen, geschweige denn gespielt – und das wird auch das einzige Mal bleiben.“

Keine Frage, Algiers sind Künstler, keine Rockstars. Angetrieben werden sie vom Wunsch, ihren hohen Idealen so nahe wie möglich zu kommen.

„Bei jeder Form von Kunst klafft immer eine Lücke zwischen dem, was du gerne ausdrücken möchtest, und dem, was du tatsächlich in der Lage bist zu leisten“, glaubt Mahan. „Letztlich verbringst du dein ganzes Leben mit dem Versuch, dem Ideal nachzujagen. Ich habe inzwischen verstanden, dass es bei der Musik für mich darum geht, mich und das, was ich fühle, auszudrücken, Ideen zu kommunizieren, sie zu vermitteln und mit anderen Menschen zusammenzukommen. Mein Traum ist es, genau das weiterzuverfolgen.“

Aktuelles Album The Underside Of Power (Matador / Beggars / Indigo)
Weitere Infos: algierstheband.com
© 01. August 2017  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
August 2017

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