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CHRYSTA BELL - Ein neues Heim

Bislang war Chrysta Bell vor allen Dingen als Muse und musikalische Partnerin von David Lynch bekannt – den sie 1999 kennen lernte und mit dem sie seither eine kreative Symbiose verbindet, die zuletzt darin kumulierte, dass sie eine Rolle in der Neuauflage der Fernsehserie Twin Peaks übernahm. Erst letztes Jahr erschien mit der EP ´Somewhere In The Nowhere´, auf der Chrysta – wie auf ihrem Debüt-Album ´The Train´ von 2011 - Songs interpretierte, die sie mit David Lynch zusammen erarbeitet hatte.

Deswegen kommt es jetzt eher überraschend, dass sie sich auf ihrer neuen LP ´We Dissolve´ mit John Parish als neuem musikalischen Partner zusammen getan hat (während sie die neuen Songs zusammen mit Co-Autor Christopher Smart schrieb). Wie kam es denn zu dem Wechsel von David Lynch zu John Parish?

„Nun ja – irgendwann muss man sich ja mal entscheiden, wohin man gehen möchte“, meint Chrysta zu diesem Thema, „dabei muss man darauf achten, wie man die nächste Ebene erreichen kann, ohne das Erreichte vollkommen oder zu drastisch zurückzulassen. So als trage man Dinge in ein neues Heim. Aber man möchte auch irgendwo neu anfangen. John Parish bot mir da diese wundervolle Möglichkeit, denn was er und David als Produzenten gemeinsam haben, ist, dass sie nicht zu viel machen und auf eine gewisse Reinheit achten. Denn beide wollen lieber den Song durchscheinen lassen, als diesen mit zu vielen Zutaten anzureichern. Das ist also diese Einstellung, die beide teilen – und auf der anderen Seite ist da aber auch eine Stärke einer Vision, die beiden inne wohnt und eine damit verbundene Zuversicht.“

Warum war denn der Schritt überhaupt notwendig? Immerhin scheinen David Lynch und Chrysta Bell auf einer gemeinsamen Wellenlänge zu schwimmen.

„Das ist auch so“, erklärt Chrysta, „ich hoffe auch, dass das so bleibt und ich glaube daran, dass unsere Verbindung lebenslang andauern wird – aber ich denke, dass es angemessen für mich war, musikalisch jetzt etwas Neues auszuprobieren. Man fühlt sowas auch in seinem Herzen, man achtet dann auf die Stimmen in seinem Kopf und die kleinen Zeichen und man schreitet voran und fühlt sich auch gut dabei – selbst wenn man sich nostalgisch fühlt. Es ist alles ein Teil des Trips.“

John Parish bastelte Chrysta dann nach seiner bewährten Art ein betont organisches Setting, das musikalisch deutlich konkreter und abwechslungsreich ausgefallen ist als jenes, das David Lynch – entsprechend seiner Vorliebe für das Vernebelte – erzeugte. Ein Setting, das Elemente aus Soul, Blues, Pop und R'n'B enthält. Worauf kommt es eigentlich Chrysta selbst an, wenn sie sich auf eine musikalische Kollaboration einlässt?

„Ich liebe es, die Songs vollständig zu verkörpern – mit meinen sämtlichen Gliedern und anderen Aspekten meiner selbst“, führt Chrysta aus, „also mit allen Dimensionen, die mich ausmachen und nicht nur meiner Stimme. Ich sehe mich als Performerin, die die Stimme und auch die Emotionen und die Bewegungen als Werkzeuge zum Ausdruck einsetzt.“

Kommt es dabei denn nicht sehr auf die zugrunde liegenden Songs an?

„Das Schreiben von Songs ist eine andere Sache als das Performen“, verrät Chrysta, „wenn ich etwas schreibe, dann tue ich das immer vor allem, um es singen zu können – weil das für mich das ultimative High darstellt. Das Schreiben von Songs ist zwar zum Einen auch irgendwie erfüllend, aber es ist auch eine große Herausforderung. Für mich ist also der Prüfstein immer, inwieweit sich ein Song gut singen lässt.“

Eines steht fest: Mit diesem für außenstehende vielleicht mutig wirkenden, für Chrysta Bell aber folgerichtigen Schritt hat sie in kreativer und musikalischer Hinsicht einen Quantensprung vollzogen – ohne sich dabei selbst verleugnen oder verbiegen zu müssen. Es ließe sich also sagen, dass Chrysta Bell ein neues musikalisches Heim gefunden hat.

Aktuelles Album: We Dissolve (Meta Hari Records / Kobalt)
© 01. Juli 2017  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer ||| Foto: Elias Tahan
Juli 2017

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