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TIMBER TIMBRE - Das bessere Leben daneben

Der Schock saß tief. Einen Tag nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl konnte Taylor Kirk es kaum glauben: Nicht Hilary Clinton ging als Siegerin einer Schlammschlacht-gleichen Kampagne vom Platz, Twitter-König Donald Trump triumphierte zur Überraschung aller als neues Staatsoberhaupt der USA. „Es war vollkommen surreal, wie in einem Hollywoodfilm. Nie hätte ich dieses Ergebnis für möglich gehalten“, erinnert sich der Frontmann der kanadischen Band Timber Timbre. Die mit ´Sincerely, Future Pollution´ ihr neues Album veröffentlichen und darauf düstere Zukunftsvisionen skizzierten - die in einigen Rezensionen bereist als Statement zur Stimmabgabe im November 2016 verhandelt werden. Was funktioniert, aber nicht gewollt war.

Die Frage nach dem Wohlbefinden des Gegenübers geschieht nach der Begrüßung meist obligatorisch und selten ist die Antwort inhaltlich derart aufgeladen wie am heutigen Interviewtag mit Timber Timbre. Schließlich sieht sich Chef Taylor Kirk ein halbes Jahr nach der US-Wahl mit den Folgen konfrontiert.

„Natürlich hätten viele unser neues Album anderes interpretiert, wäre Donald Trump der Einzug ins Oval Office nicht gelungen. Was bringt es aber, irgendeine Zeile umzuschreiben oder ganze Songs wegzulassen? Gar nichts und deswegen finde ich es spannend, wenn nun versucht wird zwischen der Realität und unserer Fiktion Parallelen herzustellen.“

Wovon ´Sincerely, Future Pollution´ jede Menge besitzt und das Szenario einer zukünftigen Gesellschaft skizziert, in der jeder sich selbst am nächsten ist und keiner auf das eigene Umfeld achtet. Fast sinnbildlich für die US-amerikanische Politik der letzten Monate - die Grenzen als notwendig betrachtet und demnächst mit Mauern ‚schützen‘ will.

Die Songs sollen zwar nicht als direkte Antwort darauf verstanden werden und doch unterstreichen sie die Entwicklung von Timber Timbre in besonderem Maße. Wie ein Blick auf ihre Gründung im Jahre 2005 zeigt.

Damals startete Taylor Kirk das Ganze als reines Solo-Projekt. Ein Multiinstrumentalist, der mit seinem Debüt ´Cedar Shakes´ auf Anhieb einen hoch gelobten Einstand feierte und auch die nächsten Alben als Ein-Mann-Betrieb hätte aufnehmen können.

Inzwischen ist er froh, eine echte Band an der Seite zu haben.

„Der stetige Austausch eröffnet ganz andere Ideen und Überlegungen. Jeder bringt sich ein und hat konkrete Vorstellungen wie dieser oder jene Song besser klingen könnte.“

Wovon die zuletzt veröffentlichten Timber Timbre-Alben immens profitierten und eine musikalische Entwicklung zeigten, die nun mit ´Sincerely, Future Pollution´ ihren vorläufigen Höhepunkt findet:

Schwarz wie der Monolith aus Stanley Kubricks ´2001: A Space Odyssey´ funkeln die Songs zwischen dunklem Independent-Pop und rauem Blues-Moment. Was aus Sicht der Protagonisten allerdings weniger düster konzipiert wurde, als die ersten Reaktionen darauf vermuten lassen. Ganz im Gegenteil:

„Letztens fragte mich ein Redakteur, ob die Platte ein Ausblick auf den Dreck der Zukunft sei und dies erstaunte mich insofern, als dass wir eben nicht sagen, alles ist aussichtslos egal was kommt. Vielmehr steht das eigene Handeln im Mittelpunkt des Geschehens, sowohl privat wie innerhalb der Politik.“

Das Wort ´Konzeptalbum´ vermeidet Taylor Kirk während des gesamten Gespräches und doch ist Timber Timbre genau dies gelungen. Vielleicht nicht wie sonst üblich mit einem zusammenhängenden Handlungsstrang – vielmehr ist es die gemeinsame Grundstimmung der Songs, die dem Album den inhaltlichen Rahmen gibt.

Geplant als fiktive Kurzgeschichten, veröffentlicht als politisches Statement. Niemand kann sich die Interpretation seines Werks aussuchen und doch zeigt sich die Qualität eines gutes Song manchmal auch dadurch, dass er auf mehreren Ebenen zugleich funktioniert.

Timber Timbre haben dies verstanden und selbst wenn den Kanadiern die Fragen bezüglich der US-Wahlen manchmal zu viel werden, setzen sie mit ihrem neuen Album ein Ausrufezeichen.

Ob nun gewollt oder nicht.

Aktuelles Album: Sincerely, Future Pollution (City Slang / Universal)
© 01. April 2017  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Caroline Desilets
April 2017

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