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BINOCULERS - Doppelter Antrieb

Die Singer/Songwriterin, die mutterseelenallein auf der Folk-Bühne steht, wollte Nadja Rüdebusch eigentlich nie sein. Deshalb ist aus den als Soloprojekt gestarteten Binoculers mit Daniel Gädicke ein Duo geworden, das sich auf seinem feinen neuen Album, ´Sun Sounds´, selbstbewusst stilistisch öffnet und zwischen britischer 60s-Psychedelia und amerikanisch geprägtem Dreampop des Hier und Jetzt viele Gemeinsamkeiten findet.

Mitte Februar sitzen die zwei in ihrem Lieblingscafé in der Nähe ihres Proberaums in Hamburg-Altona und sehen der Veröffentlichung ihrer neuen Platte und der folgenden Mammuttournee mit einer, wie Nadja es nennt, „Mischung aus Wahnsinn und Vorfreude“ entgegen. Dabei sind sie schon lange auf dem Weg. ´Sun Sounds´ ist das vierte Binoculers-Album in zehn Jahren und das zweite als Duo, doch zu einer echten Lebensaufgabe ist die Musik für die beiden schon viel früher geworden.

„Für uns war die Musik, seit wir als Teenager damit begannen, irgendwie unsere Lebensaufgabe“, bestätigt Nadja. „In diesem Punkt sind wir uns sehr ähnlich. Auch als wir noch nicht gemeinsam in einer Band gespielt haben, haben sich unsere Leben sehr viel darum gedreht. Der Punkt, an dem ich unbewusst entschieden habe, dass es etwas Langfristiges wird, lag schon weit vor Binoculers.“

Dennoch haben die zwei ihre Anstrengungen für das neue Werk noch einmal intensiviert. Vor einem Jahr beschlossen sie, das Album innerhalb nur eines Jahres zu schreiben, aufzunehmen und zu veröffentlichen.

„Da war die Band plötzlich noch präsenter und wichtiger“, sagt Daniel. Der Grund dafür ist nicht zuletzt sein Einfluss, der auf ´Sun Sounds´ viel deutlicher ist als noch auf dem ersten gemeinsamen Album ´Adapted To Both Shade And Sun´ vor zwei Jahren.

„Es fühlt sich sehr gut an, dass Binoculers aus zwei Teilen besteht, die gleich viel Energie in die Band investieren“, freut er sich. „Das hat sich in den letzten zwei Jahren noch mehr angeglichen, und Binoculers hat seitdem zwei Motoren.“

Doch auch Nadja ist sehr glücklich mit der derzeitigen Bandkonstellation.

„Als ich allein auf Tour war, habe ich mir so oft gewünscht, dass jemand zu 100 Prozent dabei ist und mit mir auf einer Wellenlänge ist“, erinnert sie sich. „So jemanden zu finden, ist wirklich nicht leicht, und ich bin sehr glücklich, dass Daniel jetzt dabei ist. Ich erfahre die Musik, die ich mache, dadurch als sehr viel kräftiger, und sie begeistert mich viel mehr.“

Das ist auf ´Sun Sounds´ bei praktisch jedem Lied spürbar, wenn die zwei Multiinstrumentalisten mit Gitarre, Klavier, Schlagzeug und Harmoniegesang ein Grundgerüst formen, das mit Uralt-Synthies, Field-Recordings und Soundscapes zu oft betörenden Klanglandschaften ausstaffiert wird. Mit größeren Arrangements, kompakteren Songs und ohne Scheu, auf altbewährte Indiepop-Strukturen zurückzugreifen, bewegen sich Binoculers auf ihrem neuen Album bisweilen ein gutes Stück weg von ihrem früheren Sound und sperren sich weniger gegen Leichtigkeit und eine insgesamt hellere Klangfarbe, ohne dass die zuvor so prägende Melancholie und Schwere vollends aus ihrem Universum verschwunden ist.

„Tatsächlich haben wir gerade mehr Lust auf Helligkeit, Wirrwarr und sonnendurchtränkte Landschaften“, bestätigt Daniel. „Die Dunkelheit ist ja, wie du schon sagst, immer noch nicht verschwunden. Nur gibt es jetzt einen gewissen Ausgleich.“

Entstanden sind die neuen Songs in der Abgeschiedenheit der niedersächsischen Provinz, bevor die zwei für die Aufnahmen im Hamburger Konservatorium und in ihrem eigenen Studio in ihre Heimatstadt zurück-kehrten. Doch auch wenn der Ort bewusst gewählt war – ein Stück weit bleibt der kreative Prozess bei Binoculers auch nach zehn Jahren Bandgeschichte noch eine Wundertüte.

„Es gibt ein paar Orte, die wir in den letzten Jahren entdeckt haben, an denen wir sehr gut arbeiten können“, erklärt Nadja. „Wichtig sind uns beim Schreiben und Skizzensammeln vor allem Ruhe, viel Platz und lange Zeiträume, in denen sich Dinge entwickeln können. Wenn dann etwas entsteht, ist schon oft ein Wundertüten-Gefühl da. Das ist der Grund, warum wir das immer noch machen!“

Aktuelles Album: Sun Sounds (Insular / Cargo) VÖ: 10.03.
Weitere Infos: www.binoculers.de
© 01. März 2017  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: David Rankenhohn
März 2017

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