interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
MITTEREGGER - Die große, alte Sonne

Empfindet man Musikinteressierte nur als werberelevante Käuferschichten und rechnet deren Vergesslichkeit mit ein, dann muss der Künstler eine immense Schlagzahl beim Ausstoß von Produkten oder Aufregern aufbringen, um zu bedienen. Es geht aber auch anders. Und dieses anders hat Namen: Stoppok, Maahn, Maurenbrecher oder eben Mitteregger. Herwig Mitteregger. Dessen neues Album nun heißt ´Sol Mayor´ was schon darauf verweist, dass Sonnen länger brennen können und nicht nur schnell und chaotisch aufblitzen, wie so manches musikalische Glühwürmchen in dunkler kultureller Nacht.

Mitteregger machts jedenfalls schon etwas länger. Erst Mitte der Siebziger des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends mit Lokomotive Kreuzberg, dann in der Nina Hagen Band und der Band ohne Nina Hagen namens Spliff - aber auch immer Solo, was ihn viel tiefer ins gemeinschaftliche Gedächtnis brannte. Sein Song ´Rudi´ war Hit und wurde später von Smudo für das Projekt Pop 2000 geadelt, er war der Duettpartner Ulla Meineckes in ´Feuer unterm Eis´, produzierte neben der Meinecke auch Maurenbrecher, Sternhagel oder Fitz und komponierte im reinen Pop die Chartstürmer ATC bei ´Set Me Free´ mit.

Aber immer wieder und ganz besonders war er Mitteregger. Und platzierte seine Lieder, schob ´Immer mehr´, ´Radio´ oder ´April´ in die Funkanstalten und machte Platten, die völlig unabhängig von irgendwelchen Zeitgeistern Mitteregger in Reinstform waren.

´Sol Mayor´ nun ist Quintessenz und Konsequenz aus Dekaden Leben. Mit all der Melancholie, der Zerrissenheit und Weisheit und auch der heiteren Gelassenheit - die eben nur mit erlebten Wahrheiten formen können. So macht er eben auch alles selbst. Alle Instrumente, alle Texte, das Songwriting, das Produzieren, selbst der Musikverlag – alles Personalunion – und gerade deshalb unverbogen. Und unverwechselbar. Manchmal knurrig – jedoch voll und ganz komprimiert.

„Musikalisch kommt das ja alles aus mir selber. Wenn ich das Gefühl habe, diesen Song, an dem ich gerade arbeite, den habe ich schon mal irgendwo oder so ähnlich gehört, hmmm … dann fliegt der in die Tonne.“

Auch sonst treibt sich Mitteregger nicht so in Szenekreisen herum.

„Das brauche ich nicht für meine Arbeit. Ich bin da eher so der Familienmensch. Natürlich habe ich nichts gegen Liveauftritte – aber zuallererst steht dann das Lied an sich, das muss stimmen.“

Auf ´Sol Mayor´ versammelt Mitteregger 15 Stücke, ohne dabei Grenzen zu akzeptieren – außer die Grenze, die er sich selber mit seinem Anspruch an Qualität auferlegt. Er gibt den Blues in ´Für immer´, gießt die große Kanne Pop ein in ´All die langen Nächte´ (da springt die Radiotauglichkeit grazil ins Ohr), streuselt Instrumentale, zelebriert Chanson in ´Davon´, schlägt punk´n´rollend um sich in ´Ich erleb nix mehr´ und lässt schmunzeln. Ironie als Stilmittel, nicht Zynismus oder Schenkelkopfer, sondern das feine Stilett Ironie wie in ´Kann ja gar nicht sein´ oder ´Winnetou´.

Was Mittereggers Leben – und seine Musik – ausmacht ist die absolute Autonomie. Selbst in seinem Familienmenschsein drückt sich seine Entscheidungsgewalt über seine Handlungen aus. Oder in seiner faszinierenden Poesie: „Ich sag alles ab/ Was ich zugesagt hab/ Sag später, meine nie/ Mach ein Feuer an/ Weil so ein Feuer wärmen kann/ Die Seele und das Ich/ Mich nerven sieben Gazellen/ Die mich den Berg raufquälen/ Und oben wartet nichts ...“ (Sieben Gazellen). Sowie bei seiner Entscheidung Spanien zu verlassen, wo er so wundervolle Alben wie ´Aus der Stille´ erfand.

„Für mich persönlich war da in Spanien nichts mehr zu regeln. Ich habe da nur noch meine Mandelbäume angestarrt und die Jahre wegfließen gespürt.“

Mit ´Sol Mayor´ ist er nun konsequent in Hamburg, Deutschland, Europa. Er singt und schreibt von hier und lächelt dabei sogar hin und wieder. Und er macht Lieder für Erwachsene, da darf das alles auch gern mal etwas länger dauern.

„Ich bin ja froh, dass ich mich vom West-Berliner Endzeit-Zyniker, der ich zu Spliff-Zeiten war, immerhin zum skeptischen Optimisten weiter entwickelt habe. Das macht den Tag etwas einfacher.“

Und das hört man. Ganz genau. Raus.

Aktuelles Album: Sol Mayor (Manoscrito Music / Edel) Vö: 03.02.
© 01. Februar 2017  WESTZEIT ||| Text: Volly Tanner ||| Foto: Oliver Reetz
Februar 2017

Links

suche