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THE FRATELLIS - Goldene Zeiten und ´fluffige´ Sounds

Solid Gold – Easy Action? The Fratellis durften kürzlich groß jubilieren, doch nun sind die Schotten diesbezüglich wieder dicht. Denn jetzt kommt leichtfüßig im Wohlklang ein neues Studioalbum daher, dass wir mit Mastermind Jon Fratelli diskutierten...

Das nunmehr fünfte Album ´In Your Own Sweet Time´ dürfte die zweite Band-ära des fluffigen Trios aus Glasgow zu neuen Höhen führen. Passenderweise findet auch Jon Fratelli, die im Albumtitel beschriebene Zeit sei „Jetzt!“. Die erste Phase ihrer ´süßen Zeit´ erlebte das Trio aus Glasgow zwischen 2005-09. In jenem Zeitfenster wurden die beiden Werke ´Costello Music´ (2006) und ´Here We Stand´ (2008) eingespielt. Nach einer dreijährigen Funkstille fand die Formation dann ab 2012 wieder zusammen, um ´We Need Medicine´ (VÖ 2013) zu veröffentlichen. Mit ´Eyes Wide, Tongue Tied´ folgte 2015 ein Album, dessen Bandbreite wie ein großer Rummelplatz daher kam. Das Werk beeindruckte durch Western-Gitarren, und schaffte mit sonnig-stampfenden Popelementen eine Melange zwischen Bruce Springsteen und den Ghostbusters. Im September 2016 wurde kurz Rückschau gehalten, um das zehnjährige Jubiläum des megaerfolgreichen Debuts zu feiern – ´Costello Music´ hatte sich tatsächlich ganze 83 Wochen in den UK-Charts befunden! Wie blicken die Komponisten selbst auf ihren Meilenstein zurück? Hätte man rückblickend eventuell etwas besser machen können?

„Ich habe mir das Album die ganze Zeit nicht wieder angehört. Ich höre mir unsere Alben nicht mehr wirklich an, nachdem wir sie veröffentlicht haben. Vielleicht ist alles gut so, vielleicht auch nicht. `Costello Music´ hat sicher seinen Platz, aber beschäftigt mich nicht (mehr).“

Denn Nostalgie ist etwas, was man im Naturell von Jon Fratelli – die Jubiläumsarie einmal ausgenommen- nicht wirklich findet. Und das, obwohl besagter o.g. Longplayer mit ´Chelsea Dagger´ einen veritablen Hit enthielt. Besser gesagt, einen zeitlosen Klassiker, der heute noch weltweit in diversen Eishockey- und besonders in deutschen Fußball-Arenen läuft. Auch wenn den Urheber des Evergreens das nicht sonderlich umtreibt.

„Ich bin auf dem Laufenden, was Celtic Glasgow und die erste englische Liga betrifft, muss aber zugeben, keinen Schimmer zu haben, was in den anderen europäischen Ligen so abgeht.“

Die eigene Qualifikation für die musikalische Champions-League-Teilnahme der Fratellis liegt da natürlich näher. Dafür wurden auf ´In Your Own Sweet Time´ Anleihen von anderen Spitzenbands weiterentwickelt. So ist es nicht verwunderlich, dass scheinbar neben den Rolling Stones auch The Sweet und The Verve für Innovationen heran gezogen wurden. Eingespielt wurden die elf neuen Songs von Jon (John Lawler / Gesang, Gitarre, Piano) mit seinen bewährten Mannschaftskollegen Barry Fratelli (Barry Wallace / Bass) und Mince Fratelli (Gordon McRory / Schlagzeug), die gemeinsam inklusive der Pausenzeit nunmehr ihre dreizehnte Saison in der ersten Liga der Gitarrenmusik spielen. Dieses ganz besondere Zeitfenster feierten The Fratellis gerade im März 2018 mit einer ausgedehnten Tour durch Groß Britannien. Gab es da nicht auch einmal die Idee, das neue Album einfach ´13´ zu benennen? Wie es u.a. sowohl die Britpophelden von Blur als auch die Dark-Metal-Pioniere von Black Sabbath einst taten? Außerdem steht die ´13´ in Deutschland oftmals noch als Synonym für Unglück...

„Ich liebe das Unglück! Wenn ich unterwegs bin, sitze ich im Flugzeug stets in der dreizehnten Reihe, oder buche in Hotels Raum 13. Es reizt mich, das Schicksal in Versuchung zu führen. Wenn das Verhängnis schon ruft, warum sollte man dann nicht damit kokettieren?“

Manchmal ist es Schicksal, wenn etwas Negatives passiert. Manchmal kann man aber auch mit Spielfreude Tragödien verhindern – auch wenn sie den Verhängnisvollen Ausdruck im Titelnamen tragen. ´In Your Own Sweet Time´ wird auch Dank der Lieder wie ´Stand Up Tragedy´ nicht wie Blei in den Regalen liegen (wobei physische Tonträger ja oft durch „bleifreie“ Downloads ersetzt werden). Oder einfach Spaß damit haben. ´Stand Up Tragedy´ eröffnet die neue Songsammlung in der Tradition eines robusten Ohrwurms mit rasierklingenscharfen Riffs. Neben feinen Pianoklängen sind relativ viele „Ooh Oohs“ wahrnehmbar. Was stilmäßig latent an ´Sympathy For The Devil´ (von den Rolling Stones) erinnert. Würden die Fratellis ihre Seelen dem Teufel verschreiben, wäre das durchaus eine Tragödie! Aber würden sie es begrüßen, wenn die ´Stand Up Tragedy´ den ´Chelsea Dagger´ als zeitlosen Fratellis-Track ablösen würde? Würdest Du dafür deine Seele dem Teufel verschreiben, lieber Jon?

„Warum nicht? Es ist doch egal, wie unsere Songs gehört werden, oder wie ihre Inhalte von den Hörer(inne)n ausgelegt werden. Ich bin damit glücklich, wenn einige von ihnen unsere Songs mögen. Dafür die Seele zu verkaufen, wäre ein wilder Ritt! Da fällt mir Bob Dylans Zeile `It might be the Devil... it might be the Lord, but we all have to serve somebody´ ein. Da könnte ich meine Seele genauso an Zeus oder Elvis Presley verkaufen.“



Ein Song, der die positive Energie des Albums wirklich gut repräsentiert, ist laut Jon´s Meinung ´The Next Time We Wed´. Der Track wurde der globalen Fanschar – welche sich von China (wo das Trio im letzten Sommer tourte) über Russland (nicht nur derzeit in Sachen Weltpolitik ein Hotspot, sondern dergleichen im Verlaufe der 2015er Fratellis-Welttournee) bis (zur Herzensangelegenheit) nach Amerika erstreckt - bereits vorab als Gratis-Teaser zur Verfügung gestellt. The Fratellis haben anno 2018 nicht nur den Funk ein wenig für sich entdeckt, sondern ´The Next Time We Wed´ besticht zudem durch einen speziellen Glam-Groove. Finden sich immer noch Wurzeln der Fratellis in den Arbeiten alter Glamrock-Helden wie z.B. T.Rex, deren ´Solid Gold – Easy Action´ die Fratellis einst neuinterpretierten? Und warum kam ein Falsetto-Groove dazu, der an Prince anmutet?

„Es ist lustig, dass die Leute uns mit Glam assoziieren. Wir hatten nie eine besondere Affinität dazu. Ich betrachtete es stets alles als Rock´n´Roll. Ich dachte immer, die Elemente wären dem Rock der 50er/60er Jahre entlehnt. Wenn wir einmal geklungen haben sollten wie Glam, war es ein Unfall. Weiterhin ist es scheinbar unmöglich, Falsetto als Stilmittel zu verwenden, ohne gleich mit Prince oder den Bee Gees in Zusammenhang gebracht zu werden... Da ich aber die eben genannten Künstler liebe, bin ich so oder so glücklich damit.“

Der Song ´Sugartown´ jedenfalls erinnert definitiv an den Spirit der Fünfziger/Sechziger Jahre. Könnte es sein, dass die jungen Menschen damals einen größeren privaten Spielraum für sich hatten? Weil sie nicht permanent online waren, oder What´s App-Nachrichten beantworten „mussten“?

„Das mag richtig sein, aber wir können doch tun und lassen, was wir wollen. Ich beantworte meine Mails eher sporadisch, und habe What´s App noch nie genutzt. Einerseits bin ich zu faul, andererseits bevorzuge ich es, andere Dinge zu tun.“

´In Your Own Sweet Time´ ist, wie beschrieben, mittlerweile das fünfte Studioalbum der Fratellis. Hat sich im Laufe der Zeit viel geändert für die Band? Gibt es so etwas wie eine neue Kreativität? Oder werden weiterhin alte Wurzeln gepflegt?

„Ich bin sehr glücklich damit, was wir heutzutage produzieren. Es trifft meinen Geschmack eher als das ältere Material.“

The Fratellis bewegen sich halt nicht blind im Hier und Jetzt, sondern sie nehmen stets aktuelle Strömungen war. Dennoch heißt ein Track ´I´ve Been Blind´. Gut aussehende Musiker, aber blind? Welche Geschichte steht hinter dem Titel?

„Wenn Du es so hörst... kann es natürlich möglich sein. Für mich ist es mehr das Junge/Mädchen-Ding. Mit einem Jungen, der plötzlich Dinge sieht, die er das erste Mal in seinem Leben sieht.“

Wir wiederum sehen die Fratellis derzeit (noch) nicht in den LineUps der hiesigen Musik-Festivals. Besteht noch Hoffnung auf eine Teilnahme an der Freiluft-Saison in Deutschland? Wie sieht es aus mit den Erinnerungen an vergangene Open Air-Festivals?

„Wir haben bereits dermaßen viele Festivalauftritte absolviert, dass ich mich unglücklicherweise nicht an alle Events erinnern kann. Aber wir werden auch weiterhin überall spielen. Die zuständigen Leute müssen uns lediglich fragen!“

Drücken wir die Daumen. Eine Open Air-Saison ohne die Fratellis wäre doch echt Käse, oder? Apropos: Welcher ist der Lieblingskäse der Fratellis?

Jon: „Wir mögen alle Käsesorten!“

Da haben wir den Käse!

Aktuelles Album: In Your Own Sweet Time (Cooking Vinyl / Sony)
Weitere Infos: http://thefratellis.com/site/
© 03. April 2018  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Nicky J Sims
April 2018

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